Einblicke in die Technische Hilfeleistung


28.11.2013 - Feuerwehr Oberkochen nimmt an Seminar zur Unfallrettung teil

 

Verkehrsunfälle stellen Feuerwehren meist vor komplizierte und belastende Aufgaben. Auch wenn das Standardvorgehen in den Feuerwehr-Übungsplänen laufend trainiert wird, bleibt dennoch die Gewissheit, dass das erlernte Wissen im Ernstfall eine Orientierungshilfe bleiben wird. Denn: Ein Verkehrsunfall gleicht selten exakt einem anderen. Gerade bei schweren Unfällen sind die Lagen oft unübersichtlich und kompliziert und gehen weit über das hinaus, was sich während des Feuerwehr-Dienstabendes trainieren lässt. In Zusammenarbeit mit Ausbildern der Firma Weber Rescue Systems - einem Hersteller für feuerwehrtechnische Rettungssysteme – nahm die Feuerwehr Oberkochen an einem zweitägigen Fortbildungsseminar zum Thema Technische Hilfeleistung teil, bei dem weiterführende Kenntnisse in der Unfallrettung gelehrt wurden. Der erste Teil der Ausbildung fand bereits im Juli 2012 statt, der zweite Teil im September dieses Jahres. Während sich der erste Teil der Ausbildung vorrangig mit den grundlegenden Techniken der technischen Hilfeleistung befasste, wurde die Feuerwehr Oberkochen im Aufbauseminar auch zu den Themen „Neue Fahrzeugtechnologien“ und „Erweiterte Rettungstechniken“ geschult. Einen Einblick in die Ausbildungsinhalte geben wir Ihnen in diesem Artikel.

 

 

Der Faktor Mensch: Stressbewältigung und Erstversorgung

Bevor der praktische Teil der Ausbildung begann, ging es im theoretischen Unterricht zunächst neben den technischen Themen auch um den Faktor Mensch. Das betraf zum einen die Feuerwehrangehörigen selbst, die während eines Einsatzes mit belastenden Bildern konfrontiert werden, zum anderen die Verletzten, die durch den Unfall Verletzungen erlitten haben. Für jeden Feuerwehrangehörigen bedeutet dies zunächst für sich selbst den notwendigen technischen wie physischen Eigenschutz zu schaffen und für den Fall eines später eintreffenden Rettungsdienstes eine Erstversorgung des Patienten einzuleiten. Im Rettungsdienst wird hierbei von der „Golden Hour of Shock“ gesprochen, also in etwa die eine Stunde die vergeht, in der die Feuerwehr ausrückt, die Verunfallten versorgt und befreit und diese vom Rettungsdienst in ein geeignetes Krankenhaus transportiert werden. Die optimale Aufstellung der Ausrückeordnung, eine sachgerechte Ausrüstung und die intensive Ausbildung der Feuerwehrangehörigen entscheiden hier über wichtige Minuten. Zudem muss sowohl innerhalb der Feuerwehrtrupps als auch die Kommunikation mit weiteren Beteiligten wie Rettungsdienst, Polizei und weiteren Feuerwehren reibungslos funktionieren.

 

PKW als hochgerüstete Maschinen?

Was dem Fahrzeugführer mehr Kontrolle, mehr Komfort und mehr Sicherheit beim Fahren verschaffen soll, stellt Feuerwehren vor immer neue Herausforderungen. Die Entwicklung moderner PKW schreitet gerade im Punkt aktive und passive Sicherheitstechnik in immer schnellerem Tempo voran, sodass Feuerwehren dazu angehalten sind, mit ihrer Ausrüstung auf dem aktuellen Stand der Technik zu bleiben. Ein großer Schwerpunkt der Theorie lag deswegen auch auf neuer Fahrzeugtechnik.

 

Umfangreiche Airbag-Systeme, Zweitbatterie für eine Start-Stopp-Automatik, verschiedene Antriebsarten sowie verschiedenen Kraftstoffe - diese wenigen Varianten verdeutlichen bereits, welche neuen Anforderungen sich für Feuerwehren bei Rettungseinsätzen ergeben. Selbst Kleinwagen werden mit umfangreicher Sicherheitstechnik ausgestattet, um bei einem Unfall die Fahrzeuginsassen bestmöglich zu schützen. Arbeiten im Bereich von Airbags beispielsweise, erfordert erhöhte Vorsicht von den Rettungstrupps. Auch die momentan noch selten anzutreffenden Elektrofahrzeuge und Elektro-Hybride mit Generator bringen neue Anforderungen an die Absicherung und Bergung des Fahrzeugs sowie der Rettung der Insassen mit sich. Hochvoltbatterien bei Elektrofahrzeugen oder Gastanks bei gasbetriebenen Fahrzeugen beispielsweise, sind häufig in der Fahrzeugmitte in einem separaten Tunnel angebracht um diese bei einem Unfall vor äußeren Einflüssen zu schützen. Gerade bei Fahrzeugen mit Hochvoltbatterie gibt es die Möglichkeit dieses Hochvoltsystem mittels Schalter oder Sicherung zu deaktivieren, sollte dies nicht bereits automatisch durch das Fahrzeug selbst erfolgt sein.

 

Noch bevor der Zugang zu einem Fahrzeug geschaffen wird, sollten umfassende Informationen über ein Fahrzeug bereits an der Unfallstelle bereitstehen, damit sich Einsatzleiter und Gruppenführer während der Lageerkundung ein genaues Bild über die Anforderungen machen können. Zum diesem Zweck stellen fast ausnahmslos alle Fahrzeughersteller ihre Informationen in Rettungsdatenblättern bereit, welche gedruckt oder als App für ein mobiles Endgerät wie z.B. einen Tablet-PC bereitgestellt werden können. Zum anderen sind die Rettungsleitstellen seit Anfang dieses Jahres in der Lage, verunfallte PKW durch vorige Übermittlung des Kennzeichens, den Fahrzeugtyp zu ermitteln sowie dessen spezifisches Rettungsdatenblatt abzurufen. Diese Informationen sind gerade für die Feuerwehr besonders wertvoll beim Vorgehen an der Einsatzstelle, um bei der Rettung keine sensiblen Teile zu beschädigen. Bevor der Zugang zum Fahrzeug beschafft, sind somit eine nicht unerhebliche Anzahl an Informationen notwendig, damit die Feuerwehrangehörigen, aber auch die verletzten Insassen vor plötzlich auftretenden Gefahren geschützt sind.

 

Versorgungs- und Befreiungsöffnung: Wo schneiden, wo öffnen?

Auch im Bereich Karosseriebau steht die Entwicklung nicht still. Fahrzeugkarosserien können durch verstärkte Bereiche Rettungsscheren und Rettungsspreizer an ihre Grenzen bringen. Moderne Karosserien bestehen überwiegend aus einem Mix weicher, hochfester und ultrahochfester Stähle, Aluminium, Kunststoff sowie Magnesium. Eine Vielzahl an Stoffen, die für die Feuerwehr beim Ansetzen von Rettungsschere, Rettungsspreizer und Rettungszylinder bedachtes Vorgehen bedeuten. Nicht immer einfach, da in den Fahrzeugholmen auch diverse Kabel und Leitungen für Airbag-Systeme und Steuergeräte verlaufen. Während des Seminars wurden zu diesem Zweck an mehreren Übungsfahrzeugen gearbeitet sowie die verschiedensten Szenarien angesprochen und deren Vor- und Nachteile erläutert. In einem kurzen Exkurs wurde auch das Öffnen von Fahrzeugtüren ohne hydraulische Rettungsgeräte erläutert. Hierzu lässt sich beispielsweise das Halligan-Tool – eine Art Multifunktionsbrechstange – verwenden, aber auch die Feuerwehraxt leistet bei weniger deformierten Fahrzeugen gute Dienste. Bei stark deformierten Fahrzeugen lässt sich mit beidem zumindest die Vorarbeit für den folgenden Einsatz von Schere oder Spreizer leisten.

 

Einsatz moderner Geräte und komplexe Lagen

Der Schwerpunkt des Praxisteils lag auf dem Einsatz der vorhandenen Geräte zur technischen Hilfeleistung sowie auf dem Absichern und Abstützen der verunglückten Fahrzeuge. Um technisch auf dem aktuellen Stand zu sein, wurde für eines der beiden Oberkochener Löschgruppenfahrzeuge eine neue Rettungsschere beschafft, welche während der Ausbildung bereits eingesetzt werden konnte. Die neue Schere ist auch für verstärkte Fahrzeugholme, zum Beispiel bei SUVs, geeignet. Daneben gehört künftig auch ein System zum Sichern und Stabilisieren von verunfallten PKW, sowie ein neues System zum einfachen Unterbauen von Fahrzeugen zur Standardbeladung des Löschgruppenfahrzeugs 16/12-2. Damit sich eine routinierte Handhabung mit der neuen Ausrüstung einstellte, wurden zusammen mit den Ausbildern die Stationen durchlaufen und die Geräte an den Übungsfahrzeugen angewendet. 2012 wurden hierzu vor allem Standardsituationen wie etwa "PKW auf Dach" trainiert. Da jedoch bei schweren Verkehrsunfällen die beteiligten Fahrzeuge meist stark deformiert sind und auch aufeinander liegen können, wurden im zweiten Teil vergangenen September vor allem erweiterte Rettungstechniken eingesetzt. Hierzu gehörten die Rettung von stark eingeklemmten Personen, aufeinander liegende Fahrzeuge, sowie Rettungsöffnungen an eher unüblichen Stellen. Eine Rettungsöffnung über den Kofferraum eines Fahrzeuges vorzunehmen klingt zunächst ungewöhnlich und gehört meist nicht zum Standardvorgehen, erwies sich bei der Durchführung allerdings als gute Alternative. Mittels Spineboard konnte der Verletzte vom Fahrersitz über das Heck des Fahrzeuges befreit werden. Hier war vor allem die Flexibilität der Teilnehmer gefragt, sich auf Rettungsmethoden, die bei einem Verkehrsunfall vielleicht nicht als erstes ins Auge fallen, einzulassen. Die Verwendung des Rettungsspreizers für verschiedene Reißtechniken im Dachbereich, das Drücken des Armaturenträgers samt Fahrzeugvorbau sowie der Zugang über den Kofferraum eines Fahrzeuges rundeten den Praxisteil ab.

 

Zusammenfassung

Das Unfallrettungsseminar ist eine sinnvolle und empfehlenswerte Ergänzung zum Feuerwehr-Übungsdienst. Das rund 16-stündige Seminar, das für die Feuerwehr Oberkochen auf zwei Ausbildungstage ausgelegt war, vermittelt erweiterte Kenntnisse, die zu einer professionellen und sicheren Unfallrettung beitragen. Zum einen können komplizierte Lagen ausführlicher bearbeitet, zum anderen Taktiken umfassender besprochen werden. Sehr hilfreich während der gesamten praktischen Ausbildung war, direktes Feedback von den Ausbildern zu erhalten. Ein nicht zu unterschätzender Punkt, denn gerade die Kommunikation an der Einsatzstelle ist wichtig für die durchzuführenden Maßnahmen und trägt zur schnellen Rettung innerhalb der erwähnten „Golden Hour of Shock“ bei.