Special: Mobile Endgeräte im Feuerwehrwesen


Use Case: Werkfeuerwehr der TU München

Schon längst keine Zukunftsmusik mehr sind Tablet-Computer bei der Werkfeuerwehr der Technischen Universität München. Bereits 1996 startete man dort erste Versuche viele unterschiedliche Informationen für den Einsatzfall zu bündeln und auf einem elektronischen Ausgabemedium einheitlich darzustellen. Die Probleme, die vor 15 Jahren während eines Tests im Umfeld der Feuerwehr festgestellt wurden, können heutzutage mit Gelassenheit betrachtet werden. Proprietäre Grafikformate, geringe Akkulaufzeit, eine schlechte Darstellungsqualität der Monitore sowie die umständliche Bedienung über Maus und Tastatur, waren die bedeutendsten Probleme die anno 1996 auftraten. Den Geräten wurde bescheinigt, eher eine Behinderung statt einer Hilfe für den Einsatzleiter zu sein. Heutzutage gehören diese Probleme fast vollständig der Vergangenheit an. Auch die Werkfeuerwehr der TU München ließ sich nicht entmutigen und fand 2005 mit Tablet-Computern eine optimale Einsatzunterstützung. Dabei handelte es sich um ein Ruggedized-Gerät der Firma Panasonic, das über eine integrierte Tastatur und das Betriebssystem „Windows XP Tablet PC Edition 2005“ verfügte. Die Geräte hielten Stürzen aus 90 Zentimetern Höhe sowie Staub- und Wasserbeaufschlagungen problemlos Stand. Als Software wurde zum Beispiel das Einsatz-Informations-System genutzt, das auch in der Leitstelle Verwendung findet.

 

Apps – kleine Helfer in großer Not?

Ein mobiles Endgerät wird erst durch die darauf installierten Applikationen zum multimedialen Begleiter. Vielleicht sind mobile Endgeräte auch derzeit so beliebt, weil sie den Zeitgeist treffen und dem Benutzer durch das Herunterladen von Apps den unausgesprochenen Hang zur Individualisierung ermöglichen. Mit über 300.000 Applikationen in Apples App Store und knapp 200.000 Applikationen bei Googles Android Market werden abermals die Dimensionen verdeutlicht, in denen sich dieser Markt befindet. Doch sind Applikationen auch für das Feuerwehrwesen ein Gewinn?

 

Der Fahrzeughersteller Opel beispielsweise hat sich der endgerätespezifischen Ausgabe der Rettungsdatenblätter angenommen und bietet diese auch als kostenlose Applikation für Feuerwehren an. Dabei handelt es sich um eine Applikation, die über die URL www.opel-rescuecard.com aufgerufen und für die Anzeige auf mobilen Endgeräten optimiert wird. So möchte man sicherstellen, dass zum Beispiel kleinere Teile wie Karosserieverstärkungen, Batterie oder Tank gut erkennbar und zoombar sind. Die Applikation bietet Informationen zu 60 Fahrzeugmodellen ab dem Jahr 1991 und ist in zehn Sprachen verfügbar. Opel wirkt damit auch einem entscheidenden Problem entgegen: Alle namhaften Fahrzeughersteller bieten diese Rettungsdatenblätter zwar über eigene Downloadportale an, für das Ausdrucken und Anbringen hinter der Sonnenblende ist der Fahrzeughalter weiterhin selbst verantwortlich. Feuerwehren können sich also nicht einhundertprozentig darauf verlassen, dass in jedem Fahrzeug eine Karte verstaut ist. Die App kann daher als zusätzliche (noch nicht als alleinige) Recherchemöglichkeit dienen, sofern im Fahrzeug keine gedruckte Karte verfügbar ist. Die Lösung von Opel gibt eine Richtung vor, in die es in Zukunft gehen könnte. Es wird, sollten weitere Fahrzeughersteller nachziehen, davon abhängen, wie aktuell der Datenbestand innerhalb der Applikation gehalten wird. Denkbar wäre es, nicht nur nach Fahrzeugmodell zu unterscheiden, sondern jedes Fahrzeug des Herstellers mit der individuellen Fahrzeugausstattung in der Applikation zum Beispiel über das amtliche Kennzeichen aufrufen zu können. Die datenschutzrechtliche Diskussion hierzu müsste man sicherlich an anderer Stelle weiterführen. Wünschenswert wäre es natürlich, wenn alle Hersteller hier an einem Strang ziehen und die Daten aus einer einheitlichen Datenbank kämen.

 

Eine weitere Applikation, die auch im Feuerwehrbereich eingesetzt werden könnte, ist „UN Nummer“. Mit „UN Nummer“ können auf LKW-Gefahrentafeln angebrachte Gefahrstoffinformationen abgerufen werden. Integrierte "Emergency Response Intervention Cards" (ERI-Cards) geben Feuerwehren die Möglichkeit, Hinweise zu Erstmaßnahmen abzurufen, auch wenn beim Eintreffen an der Einsatzstelle keine zuverlässigen stoffspezifischen Informationen zur Verfügung stehen.

 

In die gleiche Kerbe schlägt die Applikation iChemSave. Die native Anwendung für das iPhone liefert Informationen zum Umgang mit Chemikalien. Zum Einsatz kommt dazu eine umfangreiche Datenbank des Instituts für Arbeitsschutz, die entweder on- oder offline abgerufen werden kann. Die ICSC-Nummern liefern beim Umgang mit Gefahrstoffen wichtige Informationen zur Erfassung von Gefährdungspotenzialen diverser Stoffe und der Einleitung richtiger Maßnahmen.

 

Angesichts solcher Ansätze fragt man sich: Ist es heutzutage noch zeitgemäß rund 3000 gedruckte Seiten der Gefahrgutdatenbank „Hommel“ mitzuführen und zu aktualisieren? Auch wenn der „Hommel“ mittlerweile auf digitalen Speichermedien verfügbar ist, böten mobile Endgeräte eine optimale Plattform, um diesen auch als Applikation oder eBook zu veröffentlichen. Oder ist das Problem eher darin zu suchen, dass sich große Verlage generell schwer mit dem Publizieren auf mobilen Endgeräten tun?

 

Eine Vision - Location Based Services und Augmented Reality

Big Brother is watching you! Was sich zunächst nach Überwachung anhört, könnte auch im Feuerwehr- und Rettungswesen zukünftig eine Rolle spielen. Smartphones sind heutzutage durch eine integrierte GPS-Funktion fast permanent mit einem Satelliten verbunden. So wird es möglich, das Gerät genau zu orten und festzustellen, wo es sich gerade befindet. Dies kann sich in der Freizeit als launige Bekämpfung von Langeweile herausstellen, immerhin erfährt man genau, welche Einkaufsmöglichkeiten in nächster Umgebung empfehlenswert sind und wo sich Freunde zurzeit aufhalten. Doch für den Bereich Feuerwehr- und Rettungswesen kann es ein echter Gewinn werden, wenn man sich vorstellt, dass vermisste Personen aufgrund ihres Smartphones lokalisiert werden können. Auch werden Parallelen zu eCall, dem von der EU eingeführten automatischen Notrufsystem, deutlich. Verunglückt ein Fahrzeug, das mit eCall ausgerüstet ist, werden automatisch Informationen an eine Notrufzentrale gesendet. Im Endeffekt geht es sowohl bei Location Based Services als auch bei eCall immer um die Ortung von Personen.

 

Und auch Augmented Reality schickt sich an, mehr und mehr Einsatzbereiche zu erobern. Die Technologie macht es möglich, die Realität mit weiteren kontextsensitiven Informationen anzureichern und auf dem Bildschirm darzustellen. Die Basis dazu liefert wieder die Satellitentechnik und die in einem Smartphone integrierte Kamera. Die Informationen werden dann über das eigentliche Kamerabild projiziert. Als bekannter Vertreter sei hier die App „Wikitude“ genannt, die für iOS, Android, Symbian und Bada erhältlich ist. Auch hier wird konkret eine Stärke der mobilen Endgeräte verdeutlicht: Content zu visualisieren und ihn greifbar und verständlich zu machen. Gerade bei Katastropheneinsätzen ergeben sich durch die Navigationstauglichkeit neue Möglichkeiten bei der Krisenbewältigung.

 

Szenenwechsel: Brand eines mehrstöckigen Wohnhauses. Flammen schlagen aus mehreren Etagen. Man stelle sich vor, der Einsatzleiter richtet das in einem ELW oder MTW installierte Smartphone auf ein Gebäude und erfährt durch eine passende Augmented-Reality-Anwendung, dass auf dem Dachboden eine Gasheizung installiert ist. An solche Informationen zu gelangen, ohne das eventuell einsturz- bzw. explosionsgefährdete Gebäude betreten zu müssen, ermöglicht im Einsatzfall völlig neue Möglichkeiten. Der Einsatz würde ab jetzt vermutlich einsatztaktisch anders ablaufen.

 

Fazit – Gute Perspektiven

Mobile Endgeräte schicken sich an, unser Leben zu verändern. Vieles des hier Vorgestellten ist sicherlich noch Zukunftsmusik, aber die Perspektiven lassen bereits erkennen, dass sich auch im Bereich Feuerwehr und Rettungswesen Anwendungsfälle für den Einsatz mobiler Endgeräte ergeben können. Ob jede einzelne Feuerwehr davon gebraucht macht, hängt von individuellen Faktoren und der eigenen Zielsetzung ab. Die Chancen, das Feuerwehrwesen zu bereichern, stehen aber nicht schlecht.

 

Zurück zu: Teil 1

 

Bildmaterial: © Apple, Opel, WF TU München, Müller/Welsch GbR, 2Denker/Androidpit, MR3641

 

Eure Meinung ist gefragt!


Habt ihr bereits über Erfahrungen im Einsatz von mobilen Endgeräten in eurer Feuerwehr zu berichten. Kennt ihr weitere Apps, die man unbedingt haben sollte. Habt ihr Anregungen und Kritik zu diesem Artikel? Schreibt uns an feedback@feuerwehr-oberkochen.de oder über unseren Twitter-Kanal zu finden unter „ffoko“.

Weiterführende Informationen


Links:

 

Quellen:

Nach oben